3 Fragen, 3 Antworten mit Angelika Hayer
24.08.2026

Angelika Hayer

«Lehrpersonen müssen nicht vorgeben, was richtig oder falsch ist.»

Ernährung gehört zum Alltag, sie verbindet Fragen zu Gesundheit mit Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft. Angelika Hayer von der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung SGE erklärt, wie Lehrpersonen diese Zusammenhänge im Unterricht aufgreifen können, ohne zu moralisieren, und wie Ernährung auch über das Klassenzimmer hinaus Teil einer gelebten Schulkultur werden kann.

Warum eignet sich das Thema Ernährung besonders gut, um Zusammenhänge zwischen Gesundheit, Umwelt und Gesellschaft sichtbar zu machen?

Ernährung betrifft uns alle – und zwar jeden Tag. Daher ist das Thema besonders alltagsnah und eignet sich ideal, um Zusammenhänge zwischen Gesundheit, Umwelt und Gesellschaft aufzuzeigen. Mehrmals täglich treffen wir Entscheidungen rund um das Essen: beim Einkauf, bei der Mahlzeitenzubereitung zu Hause oder bei der Auswahl eines Menüs in der Ausser-Haus-Verpflegung. Manche Entscheidungen treffen wir bewusst, andere eher spontan oder aus Gewohnheit. Welche Lebensmittel wir wählen und was wir essen, hat Einfluss auf viele Bereiche: auf unsere Gesundheit, auf das Klima, das Tierwohl, die Wirtschaft, die soziale Gerechtigkeit und vieles mehr. Das Thema Ernährung bietet damit die Chance, diese vielschichtigen und komplexen Zusammenhänge verständlich zu machen und die SuS zu bewussten Entscheidungen beim Einkauf und beim Essen zu befähigen. So lässt sich theoretisches Wissen direkt mit konkretem Handeln im Alltag verbinden.

Besonders geeignet ist das Thema auch deshalb, weil es – angepasst an das Alter der Schülerinnen und Schüler – auf allen Schulstufen behandelt werden kann. Bereits im Zyklus 1 kann man beim Zubereiten eines Znünis darüber sprechen, wann welche Früchte Saison haben, woher sie kommen und was man mit Resten macht, damit kein Food Waste entsteht. Anregungen für den Unterricht geben die Unterrichtsmaterialien zur Ernährungsscheibe und das Themendossier Ernährung.

Bei Ernährung geht es schnell um richtig oder falsch, gesund oder ungesund, nachhaltig oder nicht nachhaltig. Wie können Lehrpersonen über Ernährung sprechen, ohne zu moralisieren und gleichzeitig Fragen rund um Gesundheit, Ressourcen und Verantwortung ernst nehmen?

Lehrpersonen müssen nicht vorgeben, was «richtig» oder «falsch» ist. Vielmehr können sie Schülerinnen und Schüler dabei unterstützen, Zusammenhänge zu erkennen, unterschiedliche Perspektiven zu berücksichtigen, Handlungsoptionen abzuwägen und informierte Entscheidungen zu treffen. Statt Lebensmittel pauschal als gesund, ungesund, nachhaltig oder nicht nachhaltig einzuordnen, helfen offene Fragen: Welche Faktoren beeinflussen unsere Entscheidungen? Wie wirken sich diese Entscheidungen aus? Warum essen Menschen je nach Kultur unterschiedlich? Dabei wird schnell die Komplexität des Themas deutlich. Unzählige Faktoren beeinflussen unsere Wahl (z. B. Geschmack, Preis, Gewohnheiten, Kultur, soziale Situation, Einstellungen und Werte) und unser Verhalten hat vielfältige Auswirkungen auf uns und unsere Umwelt. Die Folgen sind dabei nicht immer eindeutig positiv oder negativ. Spannend ist deshalb die Diskussion mit den Schülerinnen und Schülern, wo sich gesundheitliche, ökologische, soziale und wirtschaftliche Ziele ergänzen und wo Zielkonflikte bestehen. Auf dieser Grundlage können sie eigene Handlungsmöglichkeiten erkennen und bewusste Entscheidungen treffen.

Was können Schulen konkret tun, damit Ernährung als Teil der Schulkultur und im Sinne von BNE ganzheitlicher gedacht wird und nicht nur ein ab und zu behandeltes Thema ist?

Schulen können Ernährung ganzheitlich verankern, indem sie das Thema nicht nur punktuell im Unterricht behandeln, sondern im Schulalltag sichtbar und erlebbar machen. Dazu gehört, Ernährung in verschiedenen Fächern und Projekten aufzugreifen. Besonders wirksam sind handlungsorientierte Zugänge wie Kochen, Degustieren, Schulgärten, Pausenkiosk, Besuch auf einem Bauernhof sowie Aktionen und Projekte, bei denen unterschiedliche Aspekte der Ernährung behandelt werden, z. B. Gesundheit, Food Waste und soziale Gerechtigkeit. So wird Ernährung nicht abstrakt vermittelt, sondern mit konkreten Erfahrungen verbunden. Unterstützung bieten bestehende Angebote, zum Beispiel von fit-4-future, GORILLA und der GemüseAckerdemie, sowie die Unterrichtsvorschläge der SGE.

Eine zentrale Rolle spielt die Schulverpflegung. Werden bei der Verpflegung in Tagesstrukturen und beim Pausenkiosk die Empfehlungen einer ausgewogenen und nachhaltigen Ernährung berücksichtigt, wird die Schule glaubwürdig. Sie spricht nicht nur über Ernährung, sondern lebt sie vor. So erfahren die SuS ganz unmittelbar, wie nachhaltige Ernährung im Alltag funktioniert und dass sie vor allem auch schmeckt. Diese Erfahrung kann wiederum einen positiven Einfluss auf das Essverhalten der Schülerinnen und Schüler ausserhalb der Schule haben. Leitfäden für die Schulverpflegung stehen hier zur Verfügung.

Über Angelika Hayer

Angelika Hayer ist stellvertretende Leiterin der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung SGE